Normalerweise wünscht sich jedes muslimische Ehepaar Kinder. Sie sind für den Bestand der Ehe sehr wichtig, und sie gelten auch als Zeichen einer guten Ehe. Bekommt ein Ehepaar keine Kinder, lastet auf der Ehefrau ein enormer Druck, denn ihr wird dieser Umstand wohl so gut wie immer angelastet. Sie wird daher Hilfe suchen – entweder bei einer Wunderheilerin und ihren magischen Praktiken, bei einer Wallfahrt zu einem Heiligtum, um dort Fruchtbarkeit zu erflehen, ein Gelübde zu leisten oder ein Opfer zu bringen oder auch bei der westlichen Medizin.
Wird ein Kind in eine muslimische Familie geboren, herrscht große Freude, die noch größer ist, wenn das Neugeborene ein Junge ist. Die Geburt eines Jungen verbessert die Stellung und das Ansehen der jungen Ehefrau in der Familie ihres Mannes, insbesondere dann, wenn sie dort mit ihrem Ehemann lebt, wie es die Tradition vorschreibt. Dem Kind wird schon bald nach der Geburt das islamische Glaubensbekenntnis ins rechte Ohr gesprochen (“Es gibt keinen Gott außer Allah, und Muhammad ist sein Prophet”). Verschiedene magische Schutzpraktiken wie zum Beispiel in die Kleidung eingenähte blaue Perlen sollen das Neugeborene vor dem gefürchteten “Bösen Blick” schützen, denn noch immer wird Krankheit und die mancherorts in der islamischen Welt hohe Säuglingssterblichkeit vor allem auf die Wirkung des “Bösen Blicks” zurückgeführt.
Religiöse Erziehung
Wer in eine muslimische Familie hineingeboren wurde, gilt als Muslim und wird als solcher behandelt. Es ist keine spätere “Bekehrung”, kein Bekenntnis oder eine ausdrückliche Erklärung des Kindes nötig, die etwa mit der christlichen Taufe oder der Konfirmation/Kommunion vergleichbar wäre.
Muslime gehen davon aus, daß der Islam die ‚natürliche Religion‘ eines jeden Menschen sei. Nur wenn Kinder in einer nichtislamischen Umgebung aufwachsen, so meint man, wird das Wissen um diese natürliche Religion ‚verdunkelt’ und sie werden Anhänger einer anderen Konfession.
In einer muslimischen Familie geht es also ‚nur’ darum, den als Muslim Geborenen nun auch als Muslim aufwachsen zu lassen. Dazu gehört die – für traditionell geprägte Muslime selbstverständliche – religiöse Unterweisung des Kindes in der Familie und manchmal auch in der Koranschule.
Religiöse Erziehung geschieht indirekt dadurch, daß das Kind mit islamischen Festen und Feiertagen aufwächst, aber auch mit Speise- und Reinigungsvorschriften, mit den detaillierten Auffassungen davon, was als erlaubt und verboten gilt, mit dem täglichen rituellen Gebet, dem Fasten im Monat Ramadan, mit den islamischen Ehe- und Familiengesetzen, mit den vielen magischen Praktiken, mit der Trennung der Geschlechter und den vom Islam vorgegebenen Moralauffassungen. Der Sohn wird vom Vater und die Tochter von der Mutter religiös unterwiesen. Schritt für Schritt wird das Kind in die Glaubenspflichten (“Die fünf Säulen”) des Islam eingeführt.
Praktizierte Religion
Dazu gehört vor allem das fünfmal täglich gesprochene rituelle Gebet mit seiner genau festgelegten Abfolge von Verbeugungen, Niederwerfungen und auf arabisch gesprochenen Koranversen und Gebetsteilen. Es geht dabei darum, das Gebet korrekt auf Arabisch auszuführen, nicht darum, die Bedeutung der einzelnen Worte zu verstehen. Dies ist bei der Mehrheit der Muslime ohnehin nicht der Fall, da nur eine Minderheit der etwa 1,3 Mrd. Muslime Arabisch als Muttersprache spricht.
Man geht davon aus, daß ein Kind etwa mit 7 Jahren mit dem rituellen Gebet beginnen sollte. Mit 10 Jahren sollte es das Gebet beherrschen und auch vollziehen – natürlich in Abhängigkeit davon, wie streng die Familie selbst der Gebetspflicht nachkommt.
Die Befolgung der fünf Säulen des Islam und insbesondere die Einhaltung der Gebete gilt für Männer und Frauen als absolut verpflichtend. Das Gebet absichtlich zu versäumen, ist im Islam eine der schwersten Sünden überhaupt. Und so verlangen manche muslimischen Theologen, Kinder zur Not mit Schlägen zur Einhaltung der Gebetspflicht zu zwingen.
Auch in das 30tägige Fasten im Monat Ramadan wird das Kind Schritt für Schritt eingeführt. Beim ersten Mal fastet es vielleicht nur zwei bis drei Tage, beim nächsten Mal eine Woche. Ungefähr mit der Pubertät sollte es die ganze Fastenzeit einhalten.
Besucht das Kind (frühestens ab etwa vier Jahren) die Koranschule, wird es dort vor allen Dingen den Koran durch ständiges Wiederholen auf Arabisch auswendig lernen. Die Bedeutung der Verse oder gar ihre Anwendung auf das tägliche Leben wird dabei wohl kaum jemals zur Sprache kommen. Die Aneignung des Korans als Grundlage für alles spätere Lernen steht im Mittelpunkt. Es kommt vor, daß Kinder schon mit 10-12 Jahren den gesamten Koran auswendig können, womit sie meist für ein theologisches Studium als prädestiniert gelten.
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